Mundelwindelzwang – Hart an der Schmerzgrenze

Von | August 18, 2020

Warnung! Eher zart besaitete Mitmenschen sollten diesen Artikel nicht lesen. Es kann phasenweise eklig werden.

Seit gestern ist wieder Schule, zwei Schultage liegen hinter mir. Es waren zwei Schultage, die hart an die Grenze des Zumutbaren gingen. Ein paar kurze Einblicke gefällig?

Herr Baier, hier hat jemand seinen Mundschutz liegen lassen!” brüllt Florian aus der 6A beim Verlassen des Computersaales und hält mir einen mehr oder weniger vollgerotzten und fleckigen Mundlappen an einem der Bändchen zwischen zwei Finger geklemmt auf Augenhöhe und in Reichweite entgegen. “Eine Armlänge Abstand” war da fast unterschritten. Ich kann unter großen Anstrengungen meinen Mageninhalt gerade mal so eben kontrollieren und sage ihm freundlich aber bestimmt, er solle den feuchten Stofffetzen doch jetzt bitte SOFORT(!) stante pede und überhaupt in den Mülleimer für Restmüll entsorgen und wünsche ihm noch einen schönen restlichen Schultag. OK, Situation geklärt. Magen unter Kontrolle. Alles “Roger”. Für’s erste.

Dann weiter in den Physiksaal, die 7B kommt. Während ich die Schüler in den Saal lasse, gehe ich im Vorraum ein paar Gerätschaften suchen, die ich gleich brauchen werde. Ich betrete den Lehrsaal wieder und stelle ebenfalls leicht angewidert fest, dass nun auf ca. einem Dutzend Tische die Mundlappen herumliegen. Sehr lecker. Mein Frühstück meldet sich auch gerade wieder zurück und begehrt Entlassung in die Freiheit.

Es folgt die deutlich vorgetragene Bitte, diese oralen Feuchtbiotope doch bitte irgendwo hin zu verstauen, wo ich ihrer nicht gewahr werde. Ich unterrichte mitnichten das Fach Biologie und benötige daher auch keine Bakterienkulturen. Punkt. Und jetzt reden wir über Schall und seine Eigenschaften.

Nach so einem halben Tag innerhalb der Gruppe der Maskenuser kommt langsam ein komisches Gefühl auf. Ich bin vielleicht etwas sensibler, das sei zugegeben. Aber als ich vor 30 Jahren den Beruf ergriff, war noch nicht klar, welchen Irrsinn uns Regierungen zumuten würden. Ich bin immer noch sehr gerne Lehrer, aber wenn man mir vor 30 Jahren glaubhaft versichert hätte, in welchem nachgerade wahnsinnigen Umfeld  man mich im “postfaktischen” Zeitalter zu arbeiten nötigen würde, hätte ich vielleicht doch das Ingenieursstudium vorgezogen.

Denn von durchfeuchteten “Mund-Nasen-Bedeckungen”, die zur Dauerkomponente des Unterrichtsgeschehens werden, war jedenfalls während meiner Ausbildung nicht die Rede. Aber damals handelten Menschen auch noch vernünftiger, die Politik war auch nicht darauf aus, eine Massenpanik zu organisieren und in der Schule galt Wissenschaftlichkeit als Unterrichtsprinzip. Das hat sich alles grundlegend verändert.

Nach der Unterrichtsstunde Wechsel in den nächsten Saal, auf dem Boden des Schulflures liegt statt der sonst üblichen “Capri-Sonne”-Tüte oder dem “Raider”-Cellophan (ach, nein, der caramelgeschwängerte  Kleberiegel heißt ja heute “Twix”) eine “Mund-Nasen-Bedeckung” herum. Ich verkneife mir indes, darauf zu warten, ob irgendjemand vorbeikommt, das Teil aufhebt und sich vor den Mund bindet. Die Wahrscheinlichkeit, dass es passiert, liegt aber wohl nahe bei “1”.

In dieser Stunde (Physik in der 8A) lerne ich, was Schüler mit den oral zu applizierenden Topflappen so alles kreativ anzustellen vermögen. Und das ist eine ganze Menge.

Cheyenne wischt damit den Tisch ab, Max trägt ihn mal als Hut, als Stirnband, dann wieder als Augenbinde, Pascal dafür als Bartbinde, denn der erste Flaum sprießt schon und will natürlich gebändigt werden.

Dann fällt mir Mike auf. Er wird sicher mal eine Traumkarriere als Ingenieur bei Pratt&Whittney hinlegen und die Triebwerksfertigung moderner Jets revolutionieren. Denn er zeigt unter Rückgriff auf die ehernen Prinzipien der Aerodynamik und der Rotationskörper, dass man das Ding auch als Propeller verwenden kann, zumindest wenn man es mit ausreichend kinetischer Energie versorgt um den Zeigefinger kreisen lässt. Es bekommt sogar manchmal genug Auftrieb um sich von der Drehachse zu lösen, kurz aufzusteigen und hernach elegant zu Boden zu segeln. Mike setzt das Ding später übrigens wieder auf.

Ganz anders dann wieder Anna. Sie nutzt den Überlebenschutz bestimmungsgemäß und hat ihn während der ganzen Stunde auf der Mund-Nasen-Region appliziert. Allerdings verstehe ich sie dadurch sehr schlecht und nehme sie weniger häufig dran. Denn da komme ich mir als “alter weißer Mann” doch irgendwie blöd vor. Am Ende denken die Schüler noch, ich sei schwerhörig und gehöre eigentlich ins Altersheim und nicht vor die Klasse. Aber andererseits kommt aus dem Stofffetzen doch wirklich nur wenig an lautlicher Äußerung, was man mit normalen Bordmitteln dekodieren könnte. Mir tun die Kollegen in Nordrhein-Westfalen leid, die sich diesen Maskenschwachsinn den ganzen Tag antun müssen. Außer “brmmm-brllll-grmmmm-gnmph” wird da nicht allzu viel vernehmbar sein, was man sinnstiftend ins Unterrichtsgeschehen einbringen könnte.

Identisches habe ich heute morgen auf dem Gang erlebt, es hat meine Laune erheblich angehoben. Kollege X. und Kollegin Y. stehen einander gegenüber und unterhalten sich. Beide tragen die Mundwindel. Man vernimmt auch hier nur das übliche maskengefilterte Gebrummel, irgendwie sind diese Dinger nicht frequenzlinear was ihre Dämpfungswirkung betrifft. Aus Spaß habe ich ein herzhaftes “Grumfzgrummelgrumm” in die Diskussion eingeworfen.

Der Präsenationsirrsinn was die Mundwindeln betrifft, ist übrigens nicht auf Schüler beschränkt. Im Lehrerzimmer sieht man Kollegen, die das Ding als Ohrschmuck tragen, es ebenfalls als Bartbinde missbrauchen, es in der Hand kneten (vermutlich zum Abbau psychischer Spannungen), es gekonnt durch das mehr oder weniger volle Haupthaar ziehen oder es einfach irgendwo hinlegen und dort vergessen. Früher suchte man den Schulschlüssel oder die Kopierkarte, heute die Baktierenschleuder.

Und dann gab es noch die Kollegin, die lauthals und stolz verkündete, sie habe jetzt sofort einen der kostenlosen “Corona”-Tests, welche unsere hochkompetente Landesregierung in Rheinland-Pfalz den Lehrern anbietet, wahrgenommen. So viel Unverstand beeindruckt, in der Tat. Denn dass hier nur Testvieh für die weitere Steigerung der “Infiziertenzahlen” (die ja letztlich nichts anderes sind als Nachweise eines bestimmten Proteins, unabhängig von der Virulenz) vorangetrieben werden soll, hat die Dame wohl noch nicht ganz verstanden.

Mein Fazit: Schule ist zum Ort des behördlich organisierten Nonsens geworden an dem kaum noch einer fragt, was das alles eigentlich soll. Man macht den Unsinn eben mit. Der kritisch-reflektierende Lehrer ist die Ausnahme geworden, es herrscht Herdentrieb und wer nachdenkt und sich kritisch positioniert kommt ins Abseits und wird missgünstig angestarrt oder sogar gemobbt. Aber sonst ist man sehr “tolerant”.

Besonders absurd wird es übrigens, um zum Schluss zu kommen, wenn die dergestalt agierenden Lehrer dann im Deutschunterricht mit voller Besorgnis und ehrlicher Anteilnahme den Film “Die Welle” zeigen und gar nicht merken, dass dieser Film in ihrer Schule und unserem “Bildungssystem” schon längere Zeit läuft.

(Namen und Klassen sind erfunden, die Handlung ist real!)

Peter Baier, 18.08.2020

4 Gedanken zu „Mundelwindelzwang – Hart an der Schmerzgrenze

  1. V.F. aus Rheinland-Pfalz

    Ein toller Artikel, der den alltäglichen Wahnsinn perfekt beschreibt! Ich komme wir oft vor wie ein Mitwirkender beim absurden Theater, allerdings erzwungenermaßen. Noch grotesker fühlt man sich, wenn man sieht, wie Kollegen das ganze Schauspiel eifrig und unkritisch mitmachen und sich scheinbar gar nicht bewusst sind, welche Absurditäten sie mit verantworten. Ein Ort der Freude und des freundlichen Austauschs ist Schule zur Zeit eher weniger.

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    1. admin Beitragsautor

      Vielen Dank. Ich werde weiter über den Wahnsinn an unseren Schulen kritisch berichten.

      Edit: Dieses gedankenlose Mitlaufen in seiner ganzen Dummheit ist zutiefst erschreckend. Ich glaube, da sind einige unter den Kollegen, die sich auch die Haare blau färben würden, wenn die Regierung ihnen sagen würde, dass das a) nun eben erforderlich sei um b) “Corona” wirksam zu bekämpfen. Und solche Leute wollen Schüler zu mündigen Bürgern erziehen? Wie soll das gehen, wenn sie selbst nur dressierte Hampelmännchen (und -weibchen) einer inkompetenten Obrigkeit sind?

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  2. Pingback: Mundelwindelzwang – Hart an der Schmerzgrenze – Lehrer für Aufklärung – Kon/Spira[l]

  3. Renzo

    Was soll man noch kommentieren, wenn schon alles gesagt ist? Gut hat mir das mit “Die Welle” gefallen.
    Auch das Putzen der Bänke und Tische mit den Windeln kenne ich aus eigener Anschau.
    Ein paar Schmankerln aus einem Elternbrief (NRW!):
    Im Einzelfall, z.B. bei akutem Schwindel o.ä. und je nach räumlichen Gegebenheiten, kann es auch möglich sein, dass ein*e Schüler*in für einen kurzen Zeitraum an das vollständig
    geöffnete Fenster geht und mit dem Gesicht nach draußen die Maske kurz öffnet. Dies entscheidet die Lehrkraft.
    Ja, wie jetzt? 5. Stock? Mal eben rauskotzen? Wie auch immer.
    Meinem Kind an der Schule geht es schlecht, vor allem klagt sie über das Denunziantentum unter den Schülern:
    “Frau XXXX, die xxx hat keine Maske auf!” Peinlich. Aber die Regel.

    In Kiel hat es zumindest einer geschaff:
    https://rsw.beck.de/aktuell/daily/meldung/detail/maskenpflicht-fuer-schueler-aus-kiel-vorerst-aufgehoben
    Trotzdem danke für den Bericht.

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