Offener Brief an die Ministerin für Schule und Bildung NRW

Von | August 13, 2020

11.08.2020

Sehr geehrte Frau Gebauer,

dieses Schreiben ist ein Versuch, dem Zwiespalt, in dem wir uns als Lehrer gerade befinden, zu entkommen und so zu handeln, wie wir es vor uns selbst und vor unseren Schülern verantworten können. Wir tun dies auch stellvertretend für viele andere Lehrer, die sich aus verschiedenen Gründen nicht öffentlich namentlich nennen lassen möchten.

Wir befinden uns derzeit in folgender Situation:

Als Beamtinnen sind wir einerseits dazu beauftragt, bei unseren Handlungen immer auch das Gemeinwohl im Blick zu behalten und unsere eigene Haltung zu politischen Sachverhalten im schulischen Kontext auf zurückhaltende Weise kundzutun.

Andererseits sind wir aber auch dazu verpflichtet, für unser Verhalten die volle persönliche Verantwortung zu übernehmen.

“Bedenken gegen die Rechtmäßigkeit dienstlicher Anordnungen haben Beamtinnen und Beamte unverzüglich auf dem Dienstweg geltend zu machen.” (§ 36, Absatz (2) 1, Beamtenstatusgesetz)

Bleibt diese Anordnung auch von höherer Stelle aus bestehen, so müssen Beamte diese ausführen. Allerdings nicht, wenn dieses Verhalten moralisch gesehen nicht in Ordnung ist und die Würde des Menschen verletzt.

“Dies gilt nicht, wenn das aufgetragene Verhalten die Würde des Menschen verletzt oder strafbar oder ordnungswidrig ist und die Strafbarkeit und Ordnungswidrigkeit für die Beamtinnen oder Beamten erkennbar ist.” (§ 36, Absatz (2) 4, Beamtenstatusgesetz)

Wir stehen derzeit wie viele andere Lehrer auch in einem großen Konflikt:

Einerseits möchten wir gerne unserem Arbeitsauftrag als Lehrer nachkommen und unsere Schüler so gut es uns möglich ist beim Lernen und in ihrer Persönlichkeitsentwicklung begleiten. Andererseits sehen wir uns immer weniger dazu in der Lage, die Corona bedingten Anordnungen der Politik mit zu tragen. Geltende Abstandsgebote und Maskenpflichtverordnungen basieren zwar auf einem wohlwollenden Hintergrund. Sie sind unserer Auffassung nach aber dennoch in vielerlei Hinsicht unzulässige Missachtungen der Menschenwürde – sowohl den Schülern, als auch den Lehrern gegenüber.

Viele andere Menschen haben dies aus psychologischer und medizinischer Sicht inzwischen bereits ausführlich erläutert, sodass wir auf eine detaillierte Begründung an dieser Stelle verzichten möchten. Jedoch sei hier noch gesagt, dass es darüber hinaus auch rein pädagogische Gründe gibt, die unserer Haltung zugrunde liegen: Aufgrund der geltenden Maßnahmen kann der Unterricht so wie er in den Richtlinien und Lehrplänen des Landes NRW vorgesehen ist in vielen Bereichen des Lernens nicht mehr erteilt werden. Differenzierung und Soziales Lernen ist oftmals nur sehr eingeschränkt möglich, ebenso wie musische, künstlerische, kreative, bewegungsorientierte Ausdrucksformen des Lernens.

Da wir unserem Auftrag, Schüler zu unterrichten auch weiterhin nachkommen möchten, werden wir auch weiterhin versuchen, den Anordnungen im Unterrichtsalltag gerecht zu werden.

Dennoch möchten wir durch diesen Brief offen und für alle betroffenen Personen ersichtlich signalisieren, dass wir die Maßnahmen aus moralischer Sicht für nicht gerechtfertigt erachten.

Wir wünschen sowohl Ihnen als auch den Schülern sowie allen betroffenen Personen, dass in NRW und auch in den anderen Bundesländern möglichst bald Wege gefunden werden, um zur Normalität im Schulalltag zurück zu kehren.

Mit freundlichen Grüßen

Petra Stüer

Unterstützer:
Anonym, Lehrerin
Anonym, Studienrätin, Gymnasium, Münster, Deutsch und katholische Religionslehre
Anonym, Studienrat, Gymnasium Münster
Anonym, Studienrat, Gymnasium Münster
Anonym, Studienrat, Gymnasium Münster
Anonym, Studienrätin in Bergisch-Gladbach, Gymnasium, Mutter eines 14jährigen Sohnes
Anonym, Jurist und Vater eines 14jährigen Sohnes
Anonym, Fachlehrerin
Lena Ahmann, Lehrerin
Kay Andrea Hoffmann, Medizinische Fachangestellte
Anonym, Sozialpädagogische Fachkraft
Anonym, Lehrerin
Monika Lammers, Dipl. Sozialarbeiterin, Deeskalationstrainerin, (ProDeMa), Heilpraktikerin Psychotherapie, Traumaberaterin
Merle Keller, Dipl. Berufspädagogin Pflege
Thorsten Keller (Dipl. Betriebswirt)

S. Brokamp und C. Brokamp, Eltern
A. Mokronowski, Erzieherin

4 Gedanken zu „Offener Brief an die Ministerin für Schule und Bildung NRW

  1. Pingback: Offener Brief an die Ministerin für Schule und Bildung NRW – Lehrer für Aufklärung – Kon/Spira[l]

    1. admin Beitragsautor

      Nach der zweiten plumpen Verschwörungstheorie (“5G….”) habe ich aufgehört zu lesen. Man kennt derlei nur zu gut.

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