Von Farbdosen und Sprühschablonen – Die “AZ” aus Mainz macht weiter Stimmung gegen Lehrer

Von | Juli 12, 2021

Sie erinnern sich an die Causa des Lehrers eines Mainzer Gymnasiums, der auf der Grundrechte-Demo in Kassel im Frühjahr diesen Jahres ein Interview gegeben hatte und der deshalb durch die Presse mehrfach rauf- und wieder heruntergehechelt wurde? Und das nur, weil er sich erdreistete, an der herrschenden Politik der Regierung betreffend einen Virusinfekt Kritik zu üben? Es gibt Neuigkeiten.

In einem sich über eine Dreiviertelseite erstreckenden Artikel legt die “Allgemeine Zeitung” (AZ) aus Mainz nun nach. Denn offenbar ist sie mit dem Kollegen noch nicht ganz fertig. (Hinweis: Wir beziehen uns nachfolgend auf den Printartikel, der Onlinebeitrag ist hinter einer Bezahlschranke).

Anlass des Artikels ist die eher lapidare Information, dass die Dienstaufsicht (in Rheinland-Pfalz als “ADD” bezeichnet) keinen Grund sieht, gegen den Kollegen ein Disziplinarverfahren zu eröffnen. Was eigentlich gar keine Pressenotiz wert wäre, wird von der Zeitung richtig aufgeblasen und zu einer Story “mit Knalleffekt” verwoben. In dem besagten Artikel hat ein Redakteur namens Frank Schmidt-Wyk journalistisch wirklich alles gegeben. Dieses Meisterwerk der Schreibkunst legt minutiös dar, was der betroffene Lehrer in seiner Freizeit so zu tun pflegt. Und das ist einiges an Aktivitäten, die da zu verzeichnen sind. Interessant dabei ist, dass sich der Redakteur auf Ausführungen der ADD bezieht (“Hervorherbungen im Original”), es also einen gut funktionierenden Nachrichtenverkehr zwischen der ADD und der AZ zu geben scheint. Wie schön, dass die Kommunikation so gut läuft, denn die “AZ” ist bestens, wie zu vermuten steht aus erster Hand, über die angeblichen Verfehlungen des Lehrers informiert.

(Quelle: Artikel in der “AZ” Printausgabe)

Hier fallen zwei Dinge auf: Die “AZ” hat, wie bereits gesagt, erhebliche Detailkenntnis über die “Ermittlungsergebnisse” (was evtl. auch auf eigenen Recherchen basieren könnte, woran jedoch Zweifel bestehen) und es wird “geframed”, was das Zeug hält. Was zudem besonders pikant ist, dass der Vertreter eines Pressemediums anderen vorhält, einer “Ideologie” nachzuhängen. Eine “Ideologie” nämlich, die vorrangig auf die Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Rechte des Individuums abzielt. Man muss geistig schon sehr schräg gestrickt sein, um derlei als “Ideologie” aufzufassen. Oder dem Autor des Artikels ist nicht bekannt, wie der Begriff korrekt definiert ist. Und, gaaaanz wichtig: Mindestens einmal muss in einem negativ konnotierten Artikel auch die Buchstabenkombination “AfD” auftreten. Passt also.

Im Verlaufe des Beitrages lernen wir einiges an Wissenswertem über den Lehrer, geschrieben in einer höchst detaillierten Ausarbeitung, die man sonst bei den bekannten Medien nicht findet. Wir erfahren beispielsweise, dass der Lehrer vermeintlich bei “Telegram” gepostet hat (kleiner Hinweis: “Telegram” ist böse, weil es a) vom noch böseren Putin kommt und b) sich dem deutschen Netzwerksauberkeitsgesetz entzieht!).

Dann hat sich der Lehrer angeblich nächtens auf den Weg gemacht, um mit “Farbsprühkreide” Parolen an Unterführungen zu sprühen. Allerdings, auch das tritt im Text überdeutlich hervor, war der Kollege wohl unvorsichtig, hat er doch die frisch von einem bekannten Paketlieferdienst angekarrte Warensendung mit den Sprühdosen fotografiert und dabei unvorsichtigerweise das Etikett mit seinem Namen mit abgelichtet. Und dieses hochbelastende Dokument liegt jetzt der “AZ” (und vermutlich auch der ADD) vor. Lieber Herr Kollege, das Thema “konspiratives Sprühen” müssen wir nochmal besprechen. Da besteht noch Verbesserungsbedarf! Aber die Idee mit der Farbkreide ist gut. Denn dann ist der Tatbestand nach §303StGB nicht erfüllt.

Auf die anderen ausführlichen Besprechungen der “Telegram”-Aktivitäten des Lehrers in dem Artikel verzichten wir lieber, der Schmonzes zieht sich über zwei weitere Kolumnen, das muss man nicht alles referieren. Es geht um irgendwelche Screenshots (ob die wirklich den Lehrer korrekt betreffen darf man auch mal hinterfragen) und jede Menge Aktionen, die man dem Mann nachweisen zu können glaubt. Keine einzige davon verstößt übrigens gegen geltende Gesetze. Kommt aber aus der Ecke “Querdenken”, wir erinnern uns, es handelt sich um eine “Ideologie”, und ist somit sehr, sehr böse.

Der letzte Satz ist interessant. Ich müsste doch mal darüber nachdenken, welche Gegenargumente mir dazu einfallen. [1 Stunde später…] Mir ist nichts eingefallen, fahren wir also fort im Text.

Man ist insgesamt hochgradig beeindruckt von der Detailkenntnis des Herrn Schmidt-Wyk, diesen schweren Fall einer dienstlichen Verfehlung eines rheinland-pfälzischen Beamten betreffend. Gut, dass wir Redaktionen (und Behörden!) haben, die so genau hinsehen. Wobei hier wirklich die Frage zu stellen ist, ob Herr Schmidt-Wyk diese Kenntnis wirklich durch eigene Recherche erlangt hat oder ob ihm die “Ermittlungsergebnisse” seitens der ADD vorlagen.

Auffällig ist auch, wie weit diese Detailkenntnis der Redaktion der “AZ” reicht:

Man hat also Informationen, die entweder nur der Schule bzw. der ADD bekannt sein dürften. Fehlzeiten von Lehrern unterliegen nämlich (zumindest theoretisch) einem sehr strengen Vertraulichkeitsgebot, da sie den höchstpersönlichen Lebensbereich einer Person betreffen. Dass eine Zeitung darüber Bescheid weiß, ist mehr als dubios. Ob hier ein Dienstvergehen seitens Schulleitung und/oder Behörde zu konstatieren ist, wäre interessant zu wissen. Hier sollte man mal genauer hinsehen.

Apropos “genau hinsehen”: Ob das hier passieren wird, erscheint fraglich. Denn aus eigener Erfahrung wissen wir, dass die genannte Institution namens “ADD” bei anderen Sachverhalten (ebenfalls bekannt unter dem Terminus “Verdacht auf Dienstvergehen”) gerne mal nicht so genau hinschaut. Zumindest dann, wenn Personen unter Verdacht stehen, die oberhalb einer bestimmten Hierarchieebene sich befinden.

Ein Beispiel aus dem “richtigen Leben”, damit die Sache anschaulich bleibt. Der Sachverhalt ist übrigens bei Gericht aktenkundig belegt. Wenn es denn z. B. darum geht, dass an einzelnen Schulen rechtswidrige Zustände wie Mobbing seitens Vorgesetzten und anderer Lehrer gegen bestimmte, missliebige menschliche “Zielscheiben” regelmäßig und anhaltend zum Schulalltag  gehören, ist man bei der Verfolgung solcher Vergehen recht zurückhaltend. Die Angreifer bleiben unbehelligt, dem Angegriffenen wird dann noch per “Dienstanweisung” auferlegt, sich den Tätern gegenüber fortan “höflicher” zu verhalten. Man liebt es hier eben gerne etwas “exotisch”.  Kleiner Tipp: Wenn Sie es mal richtig “bunt” in Ihrem Berufsalltag erleben wollen, werden Sie Lehrer in Rheinland-Pfalz! Und seien wir doch mal ehrlich: Ein wenig kann man die “Dienstaufsicht” ja auch verstehen. Es ist doch viel einfacher, einen Lehrer anzugehen, der sich für die verfassungsmäßigen Rechte einsetzt als einen Direktor, der seine Untergebenen drangsaliert. Und, auch das ist klar, man muss Prioritäten setzen!

Zurück zum eigentlichen Thema: Wenn man die “AZ” weiter liest, findet man auch einen Kommentar des Herrn Schmidt-Wyk. Dort lässt er richtig vom Leder:

Tja, und da kommt es wieder heraus, das Bildungsdefizit moderner “Redakteure”. In dem Wort “Guerillero” ist ethymologisch (nein, ich bin KEIN Deutschlehrer!) das Wort “Guerre” enthalten also “Krieg”. “Guerilleros” sind nach Definition (ein Lexikon, notfalls “Wikipedia”, hilft weiter, wenn Bildungslücken geschlossen werden sollen!) bewaffnete Aufständische, die gegen eine Regierung kämpfen.

Es sei zugestanden: Im Zeitalter von Internetzensur, weitgehend abgeschaffter Meinungsäußerungsfreiheit etc. kann die Sprühdose schon mal als Waffe gelten. Aber eben nur, wenn man keine Ahnung hat. Ach übrigens, der Mann hat sich nicht “selbst ernannt”, Herr Schmidt-Wyk, SIE haben ihn zum “Guerillero” ernannt. Haben Sie vielleicht mal daran gedacht, einen VHS-Kurs “Grundlagen der Logik I” zu belegen?

Erschreckend ist auch die Unkenntnis bzw. die Unfähigkeit, sich sachkundig zu machen. Zuerst mein standardisierter Literaturhinweis in Sachen “Mäßigungsgebot” des Beamten:

Politische Meinungsäußerungen außerhalb des Dienstes sind inhaltlich nur durch die Verfassungstreuepflicht beschränkt“ (Metzler-Müller, Rieger et. al., Beamtenstatusgesetz, Wiesbaden, 2010, S. 283)

Jetzt würde mich mal interessieren, wie der Herr Schmidt-Wyk Parolen wie “Selbst denken!”, “Wissen statt Angst” etc. in den Rang eines rechtserheblichen Angriffs auf unsere Verfassung ansehen will. Könnte interessant werden. Oder auch nicht. Denn meistens kommt dann nichts mehr, wenn man so dezidiert nachfragt.

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